Arbeiterstrich in München

mlucan_2010-05-01_IMG3928-366Das südliche Bahnhofsviertel erfreute sich während der letzten Monate einer erhöhten Aufmerksamkeit der Münchner und einiger ihrer Medien. Zum vierten Mal haben die Münchner Kammerspiele ihr Stadtteil-Festival veranstaltet (vom 04. bis 25. Juni 2010)  und dafür heuer dieses Viertel gewählt.

Diesmal mit der einfachen Idee, zu erforschen, was in der Gegend zwischen Theresienwiese, Hauptbahnhof und Sendlinger-Tor-Platz vor sich geht: Wie tickt das Viertel? Wer hier lebt hier? Wer arbeitet hier? Welche Spuren sind noch da aus der Vergangenheit?

All dies und mehr sollte im südlichen Bahnhofsviertel erforscht werden, und darum haben die Kammerspiele eine Delegation in einen ehemaligen Supermarkt geschickt. Dort, in der Goethestraße 30, wurde mit der Erkundung des Viertes begonnen. Auch einen Namen hat das Kind bekommen: “Munich Central”.

Als provisorische Anlaufstelle also diente Munich Central der Erforschung des südlichen Bahnhofsviertels – und damit auch der Vorbereitung des Stadtteil-Festivals der Kammerspiele. Das Viertel hat diese Aufmerksamkeit wirklich verdient und die Erforschung hat auch Ergebnisse gebracht, mit denen nicht gerechnet worden war.

Dieser Artikel konzentriert sich auf das lokale Zentrum. Auf die Goethestraße, auf den Bereich zwischen Schwanthalter- und Petternkoferstraße. Mittendrin liegt die Landwehrstraße.

Multikulturelles Ambiente lockt, Supermärkte, deren Obst- und Gemüseangebot auf die Straße quillt und auch prominte Münchner in dies Viertel zieht. Cafés, Lokale, Friseure, Spiel- und Wettsalons. Es ist alles da.

Hier läßt es sich sicher gut leben. “Leben und leben lassen”, das Motto des toleranten München, hat es sich hier durchgesetzt? Wird es hier gelebt?

Natürlich nicht.

Hier, an der Ecke Landwehr- und Goethestraße, ist ein Arbeiterstrich entstanden, Hoffnung für Unzählige, die – in der Mehrzahl aus Bulgarien – nach München gekommen sind. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber von etwa 300 Menschen kann man wohl ausgehen. 300 Menschen, die für sich und Ihre Angehörigen in der Heimat den Lebensunterhalt verdienen, indem sie Tag für Tag ab etwa fünf, sechs Uhr in der Früh auf Auftraggeber warten.

Welche Jobs kann man hier finden? Es sind in aller Regel Aushilfsjobs, die sich hier ergattern lassen. Arbeiten auf dem Bau, Hilfsjobs im Zentrallager einer Supermarktkette, nicht die besten Jobs also. Problematisch: die schlechte Entlohnung, oft wird nicht einmal der vereinbarte Lohn tatsächlich ausgezahlt, noch problematischer aber, dass fast ausschließlich ‘Schwarzarbeit’ geleistet wird.

Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe beklagt: “Schwarzarbeit führt nicht nur zu einem Verlust von legalen Arbeitsplätzen und verhindert die Schaffung neuer legaler Arbeitsplätze, Schwarzarbeit verursacht auch in der gesetzlichen Unfallversicherung massive Beitragsausfälle. Eine Ursache hierfür ist, dass Schwarzarbeiter in Deutschland vollen Unfallversicherungsschutz genießen, obwohl für Schwarzarbeiter naturgemäß kein Beitrag zur Unfallversicherung gezahlt wird.”

Tragisch nur, wenn ein Arbeitgeber einen Arbeitsunfall als privaten Unfall beim Reifenwechsel zu vertuschen versucht, wie im Fall von Selahatin A., einer der türkisch-stämmigen Arbeiter aus Bulgarien, der bei Arbeiten im Lager einer Supermarktkette bei einem Unfall ein Glied des Zeigefingers seiner rechten Hand verloren hat.

Dass dieser Unfall dann doch nicht unter den Teppich gekehrt werden konnte, ist dem Einsatz der Initiative für Zivilcourage  zu verdanken, die die Arbeitsnomaden aus Bulgarien in den vergangenen Monaten unterstützt hat und auch Selahatin A. zur Seite steht.

Zu der Unterstützung war es gekommen, weil das Umfeld in der Gegend die Bulgaren am liebsten loswerden möchte: Nicht geliebt als Kunde in Cafés und Lokalen, als störend fürs Straßenbild empfunden, der Willkür einzelner Polizeibeamter ausgesetzt – man vermutet Absprachen zwischen Geschäftsinhabern und befreundeten Polizisten – ist das Leben nicht leicht. Man braucht viel Durchhaltevermögen, um nicht den Lebensmut zu verlieren.

Matthias Weinzierl, Leiter des Munich Central: “Wir wussten nichts von diesem sogenannten ‘Arbeiterstrich’, aber Mitglieder der Initiative kamen auf uns zu auf ihrer Suche nach einem Ort, der den Bulgaren als Treffpunkt dienen könnte. Und dann haben wir halt angeboten: ‘Trefft euch doch hier’. Mit der Folge, dass sie sich dann wirklich regelmäßig hier getroffen haben.”

Fortan diente das Munich Central, bis Ende Juli, als Treffpunkt. Teilweise 30 bis 40 Bulgaren zur gleichen Zeit, in der Hauptsache Männer, nutzten die Räume und konnten so dem Streß auf der Straße vorübergehend entfliehen.

‘Auf der Straße’ ist dabei durchaus ganz wörtlich zu nehmen, denn nicht alle Bulgaren leben zu mehreren in überteuert untervermieteten Zimmern oder in Wohnheimen, sondern buchstäblich auf der Straße. Dies hat auch damit zu tun, dass selbst die Einmietung in Pensionen im Bahnhofsviertel praktisch nicht möglich sind: “Wir sind als Bulgaren bei den Pensionsinhabern nicht willkommen. Sie nennen uns Zigeuner und wollen uns keine Zimmer vermieten” sagt einer der Betroffenen.

Auch Wohnheime sind keine wirkliche Alternative, wenn sie überhaupt Bulgaren aufnehmen. Es wird auch von einer Polizeirazzia in einem ehemaligen Flüchtlingsheim in Riem berichtet, in dem viele der Bulgaren zwischenzeitlich untergekommen sind.

Am 01. Juni wurde im einem Großeinsatz von ca. 200 Beamten dieses Wohnheim über den ganzen Tag besetzt, alle Räume durchsucht, alle Anwesenden kontrolliert. Der Grund für diese Aktion, bei der auch einige Personen festgenommen worden sind, war nichts in Erfahrung zu bringen.

Mehr zu dieser Diskriminierung, wie auch weitere Beispiele für Ausgrenzung, findet sich im Gesprächsprotokoll “Einblick in den Lebensalltag neuer EU-Bürgerinnen”

Matthias Weinzierl: “Die Initiative hat auch sofort angefangen, hier ganz vielfältige Aktivitäten zu entwickeln, es wird mittlerweile seit Wochen Deutsch unterrichtet. Und die Bulgaren treffen sich auch, um das eigene Schicksal, die eigenen Belange in die Hand zu nehmen. Ich finde das ganz großartig, denn es kommt selten genug vor, dass ein städtisches Theater einen Freiraum öffnet. Und es ist toll, das wir hier eine zufällig eine Gruppe gefunden haben, die diesen Freiraum für sich angenommen hat. Eine ganz andere Gruppe als das Theaterpublikum, das den Freiraum sonst immer füllt.”

Improvisierter Deutschkurs

Improvisierter Deutschkurs

Bis ganz zuletzt, bis zum 25. Juni, wurde dieser Freiraum dankbar genutzt, nicht nur zum Verschnaufen beim Tee und um die sanitären Anlagen in Ruhe nutzen zu können.

Sondern auch als Ort, an dem die bereits erwähnten improvisierten Deutschkurse stattfinden.
Als ein Ort, an dem auch Themen diskutiert werden können wie Wohnungssuche und Anmeldung, Arbeitssuche und Ausbeutung, Diskriminierung durch Ämter, Polizei und andere Mitmenschen.

Auch ver.di ist mit im Boot. Mehr als 30 Bulgaren sind der Gewerkschaft beigetreten und machen, mit Unterstützung der Gewerkschaft, ausstehende Lohnforderungen geltend.

Und im Munich Central wurde die Teilnahme einer Gruppe von ca. 80 Bulgaren an der 1-Mai-Kundgebung des DGB organisiert. Transparente und Plakate wurden hergestellt und am Morgen des 1. Mai war auch die Stimme der Bulgaren auf der Demonstration und Kundgebung weder zu übersehen noch zu überhören.

Inzwischen haben auch erste Kontakte der Gruppe mit Cumali Naz, dem Vorsitzenden des Vorsitzenden des Münchner Ausländerbeirats im Munich Central stattgefunden.

Cumali Naz, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Landeshauptstadt München, zu Besuch im Munich Central

Cumali Naz, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Landeshauptstadt München, zu Besuch im Munich Central

Ein Runder Tisch bei bei ver.di im Mai brachte Stadträte der Grünen, SPD, Linken, Vertreter von ver.di, Bahnhofsmission, caritas und einige Betroffene zusammen. Man diskutierte über Wege zur Verbesserung der Situation. Aus Politik und aus den Wohlfahrtsverbänden werden (hoffentlich) den Worten Taten folgen.

Wie geht es nun weiter im Munih Central?

Im Munih Central wurde zuletzt ein Café eingerichtet: ‘Export-Import’. Ein recht intensiv frequentierter Ort, in dem die Bulgaren am Bulgaren-Stammtisch weiterhin willkommen waren. Die Bewirtschaftung ist aber zunächst befristet bis zum 25. Juni, auf die Dauer des Stadtteil-Festivals. Und dann droht das Ende dieser Einrichtung.

Zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Artikels laufen jedoch bereits Verhandlungen mit dem neuen Eigentümer des Gebäudes über eine Verlängerung der Nutzung bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Gebäude endgültig dem geplanten Neubau eines Hotels weichen muss.

Die Zeichen stehen gut: nach einer dreiwöchigen Pause soll ab Ende Juli eine Weiternutzung möglich gemacht werden. Nähere Infos zum aktuellen Stand finden sich sicher auf www.munich-central.de.
Die Raumsuche der Initiative hat leider bisher kein Ergebnis gebracht.


Vgl. auch Zivilcourage in München am Beispiel des “Kulturzentrum Wörthhof”