Der Blick der Liebe

Gestern erhielt Nikolaus Brass aus den Händen von Bürgermeister Hep Monatzeder den Musikpreis der Landeshauptstadt München 2009. Die Veranstaltung wurde musikalisch vom Trio Coriolis umrahmt.
Mehr darüber in dem Artikel Ich bin kein professioneller Musiker.

Michael Lucan sprach mit Nikolaus Brass.

Frage: Herr Brass, welche Instrumente spielen Sie?

Nikolaus Brass: Ich spiele ein wenig Klavier, früher konnte ich das sogar ganz gut. Das habe ich aber nicht weiter verfeinert. Also: mein Klavierspiel ist ganz rudimentär. Und als Schüler im Schulorchester habe ich Horn geblasen.

Frage: Wie komponieren Sie, wenn Sie Ihre Musik nur eingeschränkt selbst spielen können?

Brass: Also, ich brauche das Klavier schon zur Überprüfung bestimmter harmonischer Zusammenhänge. Aber viel passiert natürlich im Kopf, in der Phantasie, im Mich-hinein-Denken in den Musiker selber.


Nikolaus Brass

Ich bin kein Geiger, kein Cellist, aber ich weiß ungefähr, welche Bewegungen der macht und wie viel Zeit es braucht, um einen bestimmten Griff zu finden. Das geht natürlich nur mit viel Erfahrung, viel Hören und viel Austausch mit den Interpreten. Das ist mir ganz wichtig: Ich bin nicht der Zampano, der alles weiß. Letztlich gibt’s die Musik nur, wenn es Interpreten gibt, die das verstehen, was ich will.

Frage: In einem Gespräch mit der neuen musikzeitung anlässlich der Preisverleihung haben Sie vom “nichtprofessionellen Publikum” gesprochen, dass Sie erreichen wollen. Auch Bürgermeister Monatzeder zitierte dies in seiner Begrüßung. Erreichen Sie dieses Publikum und stoßen Sie auf Gegenliebe? Und: Wer ist eigentlich das “nichtprofessionelle Publikum”?

Brass: Das nichtprofessionelle Publikum ist ein Publikum, das an Musik interessiert ist.

Wir haben ja diese unselige Trennung der sogenannten Neuen Musik, die sich abgrenzt gegenüber der traditionellen klassischen Musik und die sich abgrenzt gegen die Pop-Musik. Ich stamme aus der Traditionswelt der klassischen Musik, die neue, zeitgenössische Musik ist ja ein Kind der klassischen Musik.
Irgendwann ist die unselige Trennung aufgetreten, dass das Musikhören nur noch zum Vergnügen da sein soll und nicht auch – wie zu Beethovens Zeiten, auch noch zu Brahms und Anderer Zeiten – eine lebendige Auseinandersetzung ist mit dem aktuellen Schaffen von Künstlern.

Meine Erfahrung ist: Wenn man mit seiner Musik in ein unvoreingenommenes Publikum geht und ein paar Vermittlungsschritte macht, dann ist eine große Offenheit für diese Musik da, die sonst auf den Hörer vielleicht als zerrissen, als unzusammenhängend, als zu gebrechlich wirkt. Oder zu “intellektuell” wird ja häufig gesagt. Man muss ein bisschen erklären, man muss ein bisschen sagen, woher man kommt, man muss ein bisschen sagen, worauf zu achten ist, dann ist die Offenheit da.

Frage: Sie sind erst relativ spät mit Ihrer Musik an die Öffentlichkeit gegangen, warum ist das so passiert?

Brass: Ich bin ja kein professioneller Musiker …

Frage: Sie sind von Ihrer anderen Profession her Arzt.

Brass: Genau. Ich habe Medizin studiert und meine Musik immer im Selbststudium weiterentwickelt.
Ich habe dann nach Wegen gesucht und Menschen gefunden, die sich für mich interessiert haben: Was machst du? Wie machst du das?
Und jemand hat die Sachen angeschaut, die ich gemacht hab’ und gesagt: Mach weiter, das ist gut.

Bei mir ist also sehr viel autodidaktisch entstanden. Aber natürlich war ich unsicher und selbstkritisch und dachte: Ach, was bilde ich mir ein.

Und deshalb habe ein einerseits wenig geschrieben und zögerlich Sachen eingeschickt zur Veröffentlichung. Andererseits ist das natürlich auch schwierig: man muss jemanden finden, der sich dafür interessiert und sagt, ok, den führen wir auf, auch wenn er von einer anderen Profession kommt.

Frage: Die Formulierung, dass Sie sich mit Ihrem Handeln “in die gesellschaftliche Wirklichkeit einbringen”, hat mich verwirrt, weil ich mir darunter zunächst nichts vorstellen konnte. Ist damit Ihre Musik gemeint, die politische Funktion von Kunst?

Brass: Darum ging es heute Abend, glaub ich, schon sehr eindrücklich: Was für einen politischen Stellenwert hat Kunst heute? Hat sie den Stellenwert des Entertainments? Hat sie den Stellenwert einer Tapete, einer Begleitung? Oder hat sie einen eigenen Stellenwert in der Frage, was ist der Mensch, was soll der Mensch sein, was tut dem Menschen gut, was tut ihm weniger gut? Worüber müssen wir uns Gedanken machen,?

Die Auseinandersetzung mit Kunst kann diese Fragen immer wieder aufwerfen, sie immer wieder neu beantworten, immer wieder den Menschen in Bewegung halten.
Und sie kann ihn sozusagen in Gewohnheiten verunsichern und ihn öffnen: Mensch, ich bin hier auf der Welt! Was heißt das eigentlich? Was mach ich hier eigentlich, womit beschäftige ich mich?
Ganz simpel gesprochen – das ist die Frage, die die Kunst an mich stellt: was mache ich hier eigentlich?

Wenn ich in die Pinakothek der Moderne gehe oder in die alte Pinakothek. Da stehe ich vor einem Bild und dieses Bild fragt mich: Was machst du hier eigentlich?

Das ist die politische Dimension der Kunst. Denn wenn ich mir dann diese Frage selbst stelle, dann werde ich mich vielleicht anders verhalten. Sozial in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, vielleicht auch in meinem expliziten politischen Verhalten. Ich werde unter Umständen ein anderer Mensch. So könnte die politische Funktion von Kunst sein.

Frage: In Ihre Dankesrede sprachen Sie davon, dass München Sie zu dem Komponisten gemacht hat, der Sie jetzt sind. Sie haben beschrieben, wie Sie – auf Stehplätzen -, beispielsweise im Herkulessaal, Musik erstmals so erlebt haben, dass Sie wirklich berührt waren und dann gemerkt haben: das möchten Sie auch tun. Hab ich das richtig wieder gegeben?

Brass: Nicht ganz – das spielt mit. Dieser Nachahmungstrieb ist ja fast kindlich, aber er ist sehr wichtig.
Aber ganz wichtig ist das Erleben. Ich erlebe Musik, ich erlebe, was da passiert. Für einen musikalischen Menschen, jemanden der dafür sensibel ist, ist das einfach was Tolles!

Und ich erlebe eine ungeheuer differenzierte akustische Welt. Ich meine beispielsweise ein Orchester-Konzert, da sind hundert Leute. Die machen plötzlich etwas, als ob’s einer wäre. Das ist Magie.

Frage: Es gibt Menschen, die Farben hören können. Sie werden beispielsweise von Architektur, so hieß es in der Laudatio, zu Ihrer Musik angeregt. Kann man Ihre Musik als Versuch begreifen, Architektur, auch Farben, Menschen und Ereignisse hörbar zu machen?

Brass: Vielleicht eher anders herum. Ich reagiere einfach darauf. Wenn ich etwas sehe, beginnt in mir etwas zu schwingen und ich “höre” etwas. Wenn ich Architektur betrachte, eine Flucht von Räumen, dann stellt sich irgendwie ein Gefühl von Musik ein, verstehen Sie?

Es gibt ja einige wenige Menschen, die ganz konkret, wenn sie z.B. die Farbe blau sehen, auch eine bestimmte Tonhöhe oder jedenfalls etwas Bestimmtes hören. Das ist bei mir nicht so.

Aber in einer gewissen Weise habe ich das Gefühl, das, was ich über meine anderen Sinne wahrnehme, übersetzt sich in mir sehr gerne in Musik.

Frage: Sie erwähnten in Ihrem Vortrag die drei Blicke auf die Kunst, um in ihr die Wahrheit zu sehen. Nämlich den persönlichen Blick, den analytischen Blick und den Blick der Liebe. Könnten Sie kurz erklären, was Sie darunter verstehen?

Brass: Ich denke, bezogen auf die Kunst, braucht es zunächst einmal eine Persönlichkeit, die sich entwickelt hat. Ich muss einen eigenen Standpunkt haben, aus dem heraus ich formuliere oder aus dem heraus ich Kunst mache. Das ist der persönliche Blick.

Und das ist ja auch das, worauf sich häufig das Interesse konzentriert, auf den biografischen Bereich. Man fragt ja immer, was hat das Leben eines Künstlers mit seinem Kunstwerk zu tun?

Aber das ist nur ein Bereich. Der zweite ist der analytische. Das ist der Bereich “Ich muss denken”: Ich muss wissen und ich muss denken.
Ich muss wissen, was gab es vorher. Was gibt es und was gab es schon für Gedanken innerhalb der Kunst.
Ich muss einfach ein Metier haben und ich muss es analytisch, das heißt kritisch, durchdenken. Durchdenken, was ich zur Verfügung habe.

Und was mir wichtig ist, ist eben dieser dritte Blick. Das heißt, ich kann nicht einfach nur stehen bleiben bei der intellektuellen Übung. Ich kann auch nicht stehen bleiben und sagen: Ich bin ein Individuum, dass sich ausdrücken will.

Sondern für mich ist wichtig, was ich den Blick der Liebe nenne. Das ist der, der teilnimmt und dem es wichtig ist, teilzunehmen, Anteilnahme zu entwickeln an dem, was ist.
An dem, wie es den Menschen geht, was man wahrnimmt, auch an verlorenem Leben und an Verhältnissen, die einem nicht in Ordnung scheinen. Oder man sieht, dass Menschen darunter leiden.

Es ist ein teilnehmender Blick und er bezieht sich nicht nur auf das Menschliche, sondern auch auf das Materielle.
Ein Beispiel: Für mich wäre es unmöglich, mit hunderttausend Watt über irgendwelche Boxen das Publikum zu beschallen, dass den Leuten die Trommelfelle platzen. Das ist keine Teilnahme, keine teilnehmende Haltung.
Für mich ist, wie Sie gehört haben, eine Musik wichtig, die darauf achtet, wie sie auf die Menschen wirkt. Ich will die nicht vergewaltigen.

Frage: Ihre Musik wird auf bedeutenden Festivals gespielt, wird in Konzertreihen aufgeführt, es gibt CD-Einspielungen. Dennoch verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt als Redakteur einer Medizinzeitschrift. Sie arbeiten als Komponist nebenbei. Wird das so bleiben?

Brass: Das wird wohl so bleiben, ja. Dazu habe ich früher die Weichen einfach so gestellt, dass ich meinen Lebensunterhalt über das bestreite, was ich übers Studium und diese andere Identität gelernt habe.
Klar, ich kümmere mich schon auch darum, dass meine Sachen aufgeführt werden, dass ich dadurch Geld verdiene, aber ich kann nicht davon leben. Übrigens leben die meisten Komponisten-Kollegen von Lehr-Aufträgen und Lehr-Tätigkeiten, nicht so sehr von den Tantiemen ihrer Werke.

Das habe ich nicht, ich habe meinen Medizin-Beruf. Und das, was meine Werke einspielen, was man kriegt als Auftragshonorar, damit kann man keine Familie ernähren.