Gorilla-Aktion – Ein Kommentar

Die “Gorilla-Aktion” in der Müllerstraße und der Erhalt preiswerter Wohnungen in München

Hans-Ulrich Pfaffmann

Hans-Ulrich Pfaffmann


Ein Kommentar von Hans-Ulrich Pfaffmann, Vorsitzender der Münchner SPD.

Spektakuläre Aktionen ziehen Interesse nahezu magisch an. Und ehrlich, das war schon eine coole Aktion der Aktionsgruppe “Goldgrund” in der Müllerstraße.
Gorillas renovieren eine Wohnung, das ist pfiffig. Die Frage ist, was steckt dahinter?

Seit mehr als zehn Jahren stehen mitten im begehrten Glockenbachviertel billige städtische Wohnungen leer. Zugegeben, das ist zu lange, und die Frage ist berechtigt, warum das so ist. Der Eindruck aber, die Stadt wollte die nahezu baufälligen Häuser abreißen, um Luxuswohnungen für Superreiche zu bauen, ist schlichtweg falsch.

Als Ersatz für die nämlichen Häuser in der Müllerstraße mit miserabler Bausubstanz sind eben nicht Luxuswohnungen geplant, sondern öffentlich geförderter Wohnraum. Und das ist dringend notwendig, ganz im Sinne der SPD-Politik, bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und zu schaffen.

Das Haus in der Müllerstraße im Mai 2011

Das Haus in der Müllerstraße im Mai 2011


In den letzten 20 Jahren wurde Baurecht für über 120.000 Wohnungen geschaffen. Darüber hinaus wurde die Zahl der städtischen Wohnungen auf über 62.000 erhöht.
Durch Erhaltungssatzungen wurden 92.000 vor Luxussanierung geschützt. Und die Landeshauptstadt beteiligt sich am Kaufverfahren für die Wohnungen der Landesbank, während die CSU die 33.000 Wohnungen (davon 10.000 in München) am liebsten privatisieren möchte. Ein weiterer Beitrag zum Erhalt bezahlbarer Wohnungen.

Diese Politik des Mieterschutzes und der Schaffung von bezahlbaren Wohnungen wird auch in der Müllerstraße fortgesetzt, das sollten auch die Aktivisten der Aktionsgruppe Goldgrund anerkennen.

Klar, es braucht angesichts der immer schwieriger werdenden gesetzlichen Bauverfahren Zeit, vielleicht zu viel Zeit, um mehrere Alternativen für die Objekte in der Müllerstraße vorzulegen. Dass sich der Vorsitzende der CSU-Stadtratsfraktion aber jetzt verwundert zeigt und sich als “Ritter” der Müllerstraße zu präsentieren versucht, verwundert schon. Schließlich waren auch die CSU und die FDP einverstanden, noch keinen Projektauftrag zu erteilen. Erst verschiedene vorgeplante Alternativen anzufordern und ein paar Tage später nichts mehr davon wissen wollen, ist ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver.

Klar hat die Aktion der Gorillas auch etwas Gutes: Es kommt jetzt so schnell wie möglich zu einer Zwischennutzung der leer stehenden Wohnungen. Oberbürgermeister Christian Ude hat, angespornt durch die Gorilla-Aktion schnell und richtig reagiert. Er wies den Referenten des Kommunalreferates an, den freien Wohnraum analog der Aktion der Aktivisten “Goldgrund” bezugsfertig zu machen. Das soll ebenso so schnell und ebenso kostengünstig geschehen. Nach dem provisorischen Sanieren können dann Interessenten in die bewohnbaren Räume ziehen. Das ist gut so.

So weit so richtig. Die andere Seite der Medaille ist: Die Substanz der beiden Gebäude ist schlecht und die Zuschnitte des Wohnraums entsprechen keinesfalls mehr dem heutigen Standard. Verständlich, bestehen die Objekte doch schon seit 1918, 1957 und 1958. So gibt es zum Beispiel immer noch Gemeinschaftstoiletten auf den Fluren. Damit aber noch nicht genug: Das Treppenhaus in der Müllerstraße 4 ist so marode, dass es notabgestützt werden musste.

Nach Lage der Fakten steht jetzt schon fest, dass das Sanieren des Bestands, vor allem mit aktuellen energetischen Maßnahmen, fast unmöglich ist. Die Kosten würden bei einem Festhalten an einer Bestandsanierung dermaßen steigen, dass es den Mieterinnen und Mietern gegenüber kaum vertretbar wäre. Daran ändert auch die pfiffige und medienwirksame Schnellsanierung einer Wohnung durch die
Gorillas nichts. Vielleicht überlegen sich die Gorillas ja als nächste Aktion die Besetzung der 10.000 Münchner Wohnungen der Landesbank, um zum Erhalt preisgünstigen Wohnraums in München beizutragen. Man könnte auch eine “Gorilla-Verordnung” an die Tore der Staatskanzlei anschlagen, die der Stadt erlaubt, die Umwandlung günstiger Mietwohnungen in teure Eigentumswohnungen zu verbieten.

Das wäre ein weiterer wichtiger Beitrag zur Wohnungspolitik in München.