Wolfgang Gruner gestorben

In der Nacht zum Sonntag – heute vor einer Woche, am 16. März 2002 – starb das kabarettistische Urgestein Wolfgang Gruner im Alter von 75 Jahren an einem Krebsleiden. Der Kabarettist hatte bereits zum Jahreswechsel einen Herzanfall erlitten und war mehrere Wochen in einer Klinik behandelt worden.

Wolfgang Gruner gehörte zu den bekanntesten Kabarettisten der Nachkriegszeit. Er war der Inbegriff der “Berliner Schnauze”. Bekannt wurde er als Mitglied des Berliner Kabaretts “Die Stachelschweine”.

Eigentlich wollte er Steuerberater werden. Doch der junge Wolfgang Gruner musste als Falk-Helfer an die Front. Er geriet in russische Gefangenschaft. Im Lager wurde nach der Arbeit Theater gespielt. Und so entdeckte Gruner sein Talent als Schauspieler.

1950 war die Gefangenschaft beendet. Gruner nahm Schauspiel-Unterricht und ging nach der Ausbildung zum neu gegründeten Kabarett “Die Stachelschweine”.

Gruner profilierte sich als Textautor für die “Stachelschweine” und die “Wühlmäuse” – arbeitete auch als Schauspieler in ernsten Rollen, beispielsweise in Shakespeare-Stücken. Sein Freund Wolfgang Neuss nahm ihn mit zum Film – beide prägten “Wir Kellerkinder”, die satirische Abrechnung mit dem gewendeten Nachkriegsdeutschland.

Populär geworden ist er, wie viele andere, durch das Fernsehen. Der Straßenkehrer Otto Schruppke, der unentwegt quasselnd mit vorgehaltenem Besen durch das Studio der SFB-Abendschau fegte und ätzenden Spott auf den “Spitzbart” Walter Ulbricht häufte, war vermutlich seine durchschlagskräftigste und typischste Rolle – im Zweifel eher links und doch strikt antikommunistisch.

Gruner wurde durch das Programm der “Stachelschweine” – das die ARD bis 1983 übertrug – und zahlreiche andere Film- und Fernsehauftritte über die Grenzen Berlins hinaus als Verköperung der “Berliner Schnauze” schlechthin bekannt. Auch regelmäßige Gastauftritte als Taxifahrer “Fritze Flink” in Wim Thoelkes “Der Große Preis” unterstützen dies.

Doch der am 20. September 1926 geborene Schauspieler war eigentlich gar kein Berliner: Er kam in Rathenow bei Potsdam als Kind eines gutbürgerlichen Elternhauses auf die Welt. “Die Zugereisten sind immer die Treuesten” kommentierte Gruner später diesen Umstand. Wolfgang Gruner war von Kopf bis Fuß ein wohlgerundeter Komödiant und ließ seine Heiterkeit unermüdlich über Jahrzehnte hin durch die Strassen Berlins rollen. Die Stadt liebte ihn dafür. Sie hielt ihm die Treue; er ihr aber auch. Berlin und Wolfgang Gruner schienen einander unverbrüchlich bei der Hand zu halten wie ein auf einander eingespieltes Ehepaar bei der Feier seiner goldenen Hochzeit.

1998 nahm Wolfgang Gruner für die Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission eine Audio-Kassette mit der berlinerischen Fassung der Weihnachtsgeschichte auf. Gruner hat auf seine Gage verzichtet.

1983 erlitt Gruner, 57-jährig, einen Herzinfarkt. Auch einen Kreislaufkollaps hatte er schon überstanden. Doch ans Aufhören dachte er nicht: “Ich mache weiter, bis ich umfalle”, so zitierte man ihn 1991 im internationalen biographischen Pressedienst. Und so ist es nun auch gekommen, für Ostern hatte Wolfgang Gruner wieder Auftritte im Europa-Center in Berlin im Terminkalender, die Proben sollten in diesen Tagen beginnen.

Auch Wolfgang Gruner – wie viele einst gefeierte Stars – hat in den letzten Jahren für Touristen und Betriebsausflüglern brave Berliner Geschichten wie Pillaus “Kaiser von Neukölln” gegeben.

Doch er blieb dem Kabarett immer treu und formulierte seine Sicht der Dinge. Und zwar aktuell und ohne bequeme “Sehnse-det-is-Berlin”-Nostalgie, auch für das aktuelle Programm der Stachelschweine: “Durch diese hohle Kasse muss er kommen” – ein Kommentar zur Finanzlage Berlins -, nun ohne Wolfgang Gruner.

Vor einem halben Jahr feierte Wolfgang Gruner seinen 75. Geburtstag – mit vielen Freunden und Kollegen – und obwohl man wusste, dass es nach mehreren Bypass-Operationen nicht besonders gut um ihn stand kam der Tod auch für Freunde und Kollegen überraschend.